Kinder-Horror-Kur im Adolfinenheim, Borkum

Kinder-Horror-Kur im Adolfinenheim, Borkum

Eine Kinder-Horror-Kur im Adolfinenheim auf Borkum

 

Ich war sechs Jahre alt, als ich eine Kinder-Horror-Kur im Adolfinenheim auf Borkum antrat.  Es dauerte weitere 6 Jahre, bis ich meinen Eltern mitteilen konnte, was mir Schlimmes widerfahren war. Da war ich 12 Jahre alt. Ich wollte meinen 6 jährigen Bruder vor einen „Kuraufenthalt“ schützen. Das gelang mir auch. Meine Eltern glaubten mir. Dann schwieg ich wieder. 50 Jahre später sitze ich hier und schreibe noch einmal auf, was mich damals bewegte. Was ich nicht wirklich vergessen kann, trotz aller Bemühungen. 

Eine Fernsehdokumentation setzte meine Erinnerungen in Gang

 

Mit Entsetzen sah ich eine Vorschau im Fernsehen. Die Vorschau handelte von einer Sendung „Exklusiv im Ersten: Gequält, erniedrigt, drangsaliert“. Im Abendprogramm ausgestrahlt.

Ich schicke voraus. Diese Sendung habe ich mir nicht angeschaut. Von den wenigen Bildern und Worten in der Vorschau kam Verschüttetes aus dem Kopf zurück in mein Bewusstsein mit der Folge von 3 Nächten Schlaflosigkeit. Mit 6 Jahren war ich 1964 „Insassin“ im Adolfinenheim auf Borkum für unendliche 6 Wochen.

Heute ist Mittwoch, der 12. August 2020. Ich bin 62 Jahre alt und erinnere an meinen „Kuraufenthalt“ auf Borkum. Ich spüre den Drang nach diesen drei schlaflosen Nächten, aufzuschreiben was mich bewegt. Den Eltern kann ich es nicht noch einmal erzählen, weil sie verstorben sind. Aber ich kann wenigsten sagen, dass ich etwas erzählt habe, damals mit 12 Jahren, um meinen Bruder vor einem ähnlichen Schicksal zu beschützen. Meine Eltern glaubten mir, zumindest habe ich das damals so empfunden. Ich wurde ernst genommen. Was ich schilderte, konnte man sich nicht ausdenken. Kein zwölfjähriges Mädchen denkt sich so etwas aus.

Nach dieser Kur hatte ich Glück, von liebevollen Eltern weiter aufgezogen zu werden. Ich schildere in diesem Beitrag die wenigen Erinnerungen an diesen Horroraufenthalt im Adolfinenheim. Das ist gar nicht so einfach, denn ich habe es meisterhaft verstanden, Erinnerungen zu verdrängen.

Was empfinde ich, wenn ich zurückdenke?

 

Grenzenloser Hass macht sich breit, Abscheu und Wut – bis heute.

Ich war nie wieder auf irgendeiner Nordseeinsel. Als ich im Internet auf einer Webseite https://verschickungsheime.de/ las, dass man sich auf Borkum trifft, schrie ich förmlich hinaus: „Nein, Never, niemals werde ich einen Fuß auf Borkum setzen“. Das hatte ich mir damals geschworen, als ich dort war, im Adolfinenheim auf Borkum.

Ich wurde krank. So krank, dass man mich von den anderen Kindern isolierte. Gleichzeitig hatte ich in dieser Isolation mehr Ruhe. Keine brüllende Schwester, die mir Strafen androhte, wenn ich es wagte den Mund aufzumachen, oder die Augen nicht schließe. Wenn ich erbrach, musste ich das nicht aufwischen.

Man wollte (oder konnte?) mich nicht in den Zug setzen.

Meine Mutter erzählte mir später, dass ein Anruf des Heimes meinen Vater und sie in Aufruhr versetzte. Man könne mich nicht auf die Heimreise schicken, weil ich krank geworden bin. Meine Mutter hat ihren Horst noch nie so schnell in den Anzug springen sehen. Komm Weib, dann holen wir unser Kind. Keinen Tag länger bleibt sie fort.

Wie alles begann

 

Eine schwere Lungenentzündung zwang mich 6 Wochen in ein Krankenhaus. Davon 2 Wochen auf Isolierstation. Der behandelnde Arzt brachte meinen Eltern näher, dass ich am besten weiter gesunden könnte, mit einer Luftveränderung an der Nordsee. Die Wahl fiel auf das Adolfinenheim auf Borkum. 

Meine Erinnerungen sind Bruchstückhaft. Ich weiß nicht, ob ich dort mit einem Zug und anderen Kindern abgeliefert wurde, oder ob mich meine Eltern gefahren haben. Bei der Ankunft , die Eltern waren fort, wurde mir alles abgenommen.

Alles Aufessen bis zum Erbrechen

 

Ich mochte partout keinen Fisch. Da lag einer auf meinem Teller. Er schien zu leben, weil er mich ansah. Für meine Augen beängstigend, dass mich ein Fisch ansah, den ich jetzt auch noch essen sollte. Natürlich lebte der Fisch nicht mehr, aber ich bekam ihn nicht herunter. Hinter mir blieb die Schwester stehen und ohrfeigte mich: „Iss das auf. Du musst das Essen. Das ist gesund und gutes Essen für Dich, verwöhnte Göhre“. Ich aß und würgte und erbrach auf dem Klo.

Dahin hat man mich gehen lassen, nachdem der Fisch aufgegessen war. Ich habe einen langen und endlosen Gang bis zu den Toilettenanlagen vor meinem geistigen Auge. Mir war so übel und meine Angst wuchs mit jedem Schritt, mich auf dem Flur übergeben zu müssen.  Ich hatte gesehen, was mit Kindern geschah, die sich im Speisesaal übergaben. Sie mussten das Erbrochene aufessen. 

Ich habe lange Zeit nichts gegessen, wenn zuvor jemand sagte: Mmh, das ist aber ein gesundes Essen. Für mich war das kein Grund, eine Mahlzeit zu mir zu nehmen. Im Gegenteil. Man kann sagen, ich hasste gesundes Essen.

 

Schuhe putzen

 

Jeden Tag. Oberfeldwebelhafte Abnahme. Und wehe, die Putzorgie hinterließ einen Fussel auf dem Schuh. Dann gab es wieder Ohrfeigen und weiterputzen.

 

Nackt auf dem Flur stehen.

 

Es war kalt. Ich wusste nicht, wofür ich bestraft wurde. Vor allem nackt. Ich wollte sterben.

 

Briefgeheimnisse, Päckchen aufteilen, Besuchsverbot

 

Keine Besuche, keine Briefe und alles wurde geteilt.

Bestrafung für Päckchen, die von den Eltern ankamen. Warum wurde man dafür bestraft wurde, wenn ein Päckchen von zuhause ankam? Ich freute mich so sehr. Hatten meine Eltern mich doch nicht ganz vergessen. Wie dankbar ich war für diesem kleinen Moment. Ein Päckchen von meinen Eltern nur für mich.

Es war eine Bestrafung für mich, wenn der Inhalt einfach an andere Kinder verteilt wurde. Es ging allen Kindern so. Meistens bekam ich vom Inhalt nichts zu sehen. Ich habe heute noch vor meinen Augen, wie diese Folterschwestern mein buntes, liebevoll eingepacktes Paket aufrissen und beim Mittagessen an alle Kinder den Inhalt verteilten. Zum Schluss blickte eine Schwester hinein, schaute mich an mit einem erstaunten Gesicht und sagte: „Oh, nichts mehr drin“. Ich ging leer aus.

Das allerschlimmste war Heimweh, Einsamkeit und Todesängste

 

Heimweh, nächtelanges Heulen, kein liebes Wort, kein Lächeln, nur Schimpfe den ganzen Tag. Ich habe gefroren. Immer nur kalt, Innen wie Außen. Stumm musste man sein, am besten unsichtbar. Heute bin ich von einem Gefühl erfüllt, wenn ich an diese Zeit nur denke, das ich mit einer Art Todesangst bezeichne. Ich dachte wirklich, das ist das Ende und ich müsse bald sterben.

Ich fühlte mich einsam und verlassen. Warum haben mir meine Eltern das angetan? Ich schmiedete Rachepläne, die mich noch lange beschäftigten. Rache an meinen Eltern und noch mehr Rache an dem verhassten Schwestern im Adolfinenheim.

Ich resignierte und wurde krank. Den Grund kenne ich nicht, an was ich erkrankte weiß ich auch nicht. Ich kann mich an Fieber erinnern. Das hatte den Vorteil, dass mir endlich warm wurde. Die Krankheitstage im Adolfinenheim sind ein großes schwarzes Loch.

Plötzlich war ich zuhause

 

Ich schwieg bis zu meinem 12. Lebensjahr. Mein Bruder wurde 6 Jahre alt. An seinem Geburtstag bat ich meine Eltern:“ Bitte, bitte, schickt Andi niemals in ein Heim. Niemals. Das dürft ihr nicht tun. Bitte versprecht es mir“. Ich habe sie angefleht. Daraufhin fragten sie natürlich, was denn passiert sei und ich erzählte von meinem Heimweh, von den schrecklichen Schwestern und dem nassen Handtuch, den Päckchen, den Ohrfeigen.  Anschließend bat ich sie darum, nie wieder ein Gespräch darüber zu führen. Alles war so schrecklich, dass ich es vergessen möchte.

Eltern erzählen von ihren Eindrücken, als ich wieder daheim war

„Mamma und Papa haben dich in Kur geschickt, damit du dich von deiner Lungenentzündung erholst. Du solltest bald in die Schule gehen und ein wenig Kräftigung konntest du vertragen. Zurückgekommen ist ein krankes und schwaches Kind, so krank, dass wir die Einschulung um 1 Jahr verschieben mussten.

Wir haben dir einen neuen Schreibtisch gekauft, weil du nun bald zur Schule gehen solltest. Die Reaktion darauf, war für meine Eltern enttäuschend. Ich freute mich nicht. Es gab eine kurze und knappe Reaktion: „Den kannste behalten, das ist jetzt egal“.

Du wolltest nicht essen. Vor allem keinen Fisch. Du hast dich häufig übergeben, meistens nach dem Essen. Wir hatten Angst um dich. Wir gingen zur Tante Elsbeth (Bochum). Sie hatte einen großen Garten, in dem ich mich immer so wohl fühlte. Hier empfand ich offenbar Ruhe und die liebenswerte Art von Tante Elsbeth und Onkel Willi tat mir gut. Onkel und Tante waren beide psychologisch vorgebildet und machten sich ebenfalls große Sorgen. Was ist mit dem Kind los?

Papa wollte eine Anzeige machen wegen Misshandlungen. Er sprach davon, dass es doch nicht normal sei. So war unsere Tochter doch nie. Sie machten sich beide sehr große Vorwürfe, mich allein gelassen zu haben. Er ging zu einem Anwalt, der ihn aber nicht unterstützte, sondern von einer Anzeige abriet. Mein Vater hatte nur Briefe vorzuweisen, die von Schwestern geschrieben wurden. (ich konnte noch nicht schreiben). Die sahen positiv aus. Wer glaubt einer Sechsjährigen? Die Zeit 1964 war nicht reif für so ein Vorgehen.

Wenn ich als Kind eher gewusst hätte, wie wichtig das Reden ist

 

Dass ich einigermaßen selbstbewusst meinen Weg ging, habe ich auch der Akzeptanz meiner Eltern zu verdanken.

Ich war lange böse auf die Eltern. Insgeheim sehr lange. Ein renitentes Kind. Mein Bruder kam kurze Zeit später nach meiner Rückkehr auf die Welt. Ein Lichtblick der Kleine. Andreas wollte ich beschützen. Das war meine Aufgabe. Und später, als ich zwölf wurde und mein Bruder 6 Jahre alt war, habe ich erzählt. Einmal und dann nie wieder. Meine Eltern glaubten mir. Das hat geholfen, meinen Frieden zu finden.

Wenn ich als Kind eher gewusst hätte, wie wichtig das Reden ist, wäre es damals schon aus mir herausgesprudelt. Aber ich war so eingeschüchtert und ängstlich. Kein Wort entrinn meinen Lippen. Ich war stumm wie ein Fisch.

Habe ich Schaden davongetragen?

 

Ich weiß es nicht. Ohne psychologisches Hintergrundwissen wage ich zu behaupten: JA, auf jeden Fall.

  1. Ich fühle den gleichen Widerstand in mir, wenn mir jemand mit den Worten begegnet: „Ja, aber das ist doch gesund. Warum isst du das nicht?“ Ich könnte der Person, die so etwas sagt, eine Ohrfeige geben.
  2. Bei einem ganz bestimmten Geruch wird mir übel. Meistens in Krankenhäusern. Der Geruchsübeltäter heißt Vitamin B. Rieche ich diesen typischen Geruch, bekomme ich Beklemmungen. Ich befinde mich gerade wieder im Adolfinenheim.
  3. Das große Thema Vertrauen. Ich habe niemals wieder ein tiefes Vertrauen zu anderen Menschen fassen können. Auch nicht zu meinen Eltern. Ich habe sie geliebt, aber das Vertrauen war irgendwie fort.

 Blicke nicht zurück, gehe deinen Weg und vertraue nur dir selbst.

Schlusswort

 

Wenn ich von misshandelten Kindern höre, denen man noch übler mitgespielt hat, wie sexueller Missbrauch etc., dann kann ich nur ansatzweise erahnen, wie gezeichnet diese Kinderseelen sein müssen. Und fast schon schäme ich mich diese, meine Geschichte zu schreiben, denn wie viel schlimmer muss das Leid der missbrauchten Kinder sein?

Mir geht es gut, trotz Adolfinenheim vor 56 Jahren. Was nicht heißen soll, dass alles gut ist nach dem Motto: Geht doch. Ist doch nichts passiert.

Ungeheuerliches ist passiert. Wer übernimmt die Verantwortung?

Wieviel Sterne vergibst du?
 
Summary